Jazz-Brücke zur Gregorianik

HCL-Quartett und Oldenburger Choral-Schola

Es gibt eine eigentümliche Kongruenz zwischen der Musik der Avantgarde und der des Jazz sowie der frühesten europäischen Musik: Diese Musikformen aus so unterschiedlichen Zeitperioden gelten als schwierig und kompliziert zu hören. In jüngerer Zeit haben diverse Ensembles aus dem scheinbaren Problem eine Tugend gemacht: Nicht nur Jazzmusiker zeigen ein starkes Interesse an der Erkundung und Bearbeitung der Musik der Renaissance und des Mittelalters unter Jazzaspekten, sondern auch auf Alte Musik spezialisierte Ensembles holen sich immer wieder ganz bewusst Jazzmusiker in ihre Reihen.

Der Schlagzeuger Hannes Clauss ist ein musikalischer Grenzgänger, der gerne die Barrieren zwischen unterschiedlichen Stilistiken überwindet. Grundsätzlich in den Spielformen des Jazz zuhause – und zwar in einer Bandbreite von modernem Jazz mit melodischen Strukturen bis hin zu Free Jazz und Freier Improvisation – hat er sich auch mit Neuer Musik auseinandergesetzt sowie weltmusikalische Spielweisen (insbesondere afrikanische Motive) in seine Musik integriert. Seine beiden Standbeine, neben diversen anderen Formationen, sind dabei sein eher an melodischem Jazz orientiertes HCL-Quartett sowie das frei experimentierende HCL Ensemble. Mit dem HCL-Quartett, zu dem der Tenor- und Sopransaxophonist Malte Schiller, der Pianist Oliver Poppe und der Kontrabassist Mathias Wedeken gehören, hat Hannes Clauss nun einen weiteren Grenzübertritt riskiert. Besser gesagt, handelt es sich um einen regelrechten Brückenschlag, der weit in die früheste europäische Musikgeschichte zurückreicht. Mit der achtköpfigen Oldenburger Choral-Schola unter der Leitung von Manuel Uhing verbindet das HCL-Quartett gregorianischen Gesang mit Jazz. Der einstimmige Chorgesang sowie der Wechselgesang des Responsoriums aus der frühen kirchlichen Liturgie bieten in ihrer archaisch klaren, statuarischen Formensprache, die lediglich durch melismatische Umspielungen aufgelockert wird, ideale Voraussetzungen, um sie mit den Mitteln der Jazzimprovisation aufzubrechen. Das HCL-Quartett wählt dabei zwei unterschiedliche Herangehensweisen. Einerseits folgt das Jazzquartett den vorgegebenen Melodien, untersucht ihre Strukturen, zeichnet sie mit den Mitteln des Jazz nach und variiert sie, andererseits sind es frei assoziierte Begleitungen und melodische Umkreisungen, die sich von den Gesangslinien der acht Chorsänger durchaus entfernen, sie kommentieren, ihnen gewissermaßen Kontrapunkte entgegensetzen. In beiden Fällen nähert sich das Jazzensemble außerordentlich behutsam und respektvoll den sakralen Gesängen, so dass völlig neue Einblicke in diese streng gebaute Musik der Frühzeit gewonnen werden. Die fabelhaft die Spannung zwischen der frühesten Musik und dem Jazz aufrechterhaltenden Arrangements – mal in freier Form, mal mit melodischen Zitaten angereichert – hat der Pianist Oliver Poppe geschrieben. Bei dieser live in der Oldenburger St. Peter Kirche aufgenommenen CD ist ein gelungener Brückenschlag zwischen Frühzeit und Gegenwart mitzuerleben! Christian Emigholz